Bericht aus Jerusalem

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Hallo liebe Leser,

wie jeden morgen sitze ich im Bus auf dem Weg zur Arbeit nach Jerusalem. Es ist Sonntag, der Beginn der Woche, daher sitzen viele Soldaten mit mir im Bus, die nach einem Wochenende zuhause bei der Familie auf dem Weg zu ihren Standorten sind. Wehrpflichtige Soldaten dürfen die öffentlichen Verkehrsmittel gratis benutzen. Einzige Bedingung : Sie müssen Uniform tragen.
Wir fahren auf der 443 Schnellstrasse, der Strasse , auf der es schon so oft zu Terroranschlägen gekommen ist in dieser seit fast drei Monate dauernden Welle der Gewalt . Aber auch zur Zeit der zweiten Intifada gab es hier tödliche Terroranschläge.

Gestern wurde im Fernsehen eine Reportage gesendet über zwei Schwestern, deren Eltern und Onkel im Jahr 2001 von Terroristen erschossen worden waren. Sie fuhren auf der 443 Strasse, die beiden Schwestern sassen mit der Mutter hinten im Auto, als die Terroristen die tödlichen Schüsse auf das Auto der Familie feuerten. Instinktiv nahm die Mutter ihre Kinder in den Schutz, so dass die Kugeln nur sie trafen, die beiden Mädchen blieben unversehrt. Aber die Mutter, wie auch der Vater und der Onkel, hatten keine Chance und starben noch am Ort des Geschehens, unweit einer Tankstelle, wo vor ein paar Wochen ein 18 jähriger Soldat von einem Terroristen erstochen worden war (Bericht).

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Die Tankstelle auf Strasse 443 (Foto: Björn Ihle)

Ich bin soeben an dieser Tankstelle vorbeigefahren. Die beiden Mädchen, von denen ich gerade schrieb sind heute 14 und 16 Jahre alt. Sie leben bei der Schwester des Vaters, die die Mädchen nach dem Anschlag adoptiert hatte. Die Geschwister erinnern sich nicht an ihre Eltern, sie waren zu klein, als es passierte. Sie nennen ihre Tante und ihren Mann Mama und Papa, aber sie kennen die Geschichte, im Haus hängen Bilder ihrer Eltern. In der vergangenden Woche gab es ein sehr emotionelles Treffen der beiden Mädchen mit dem Sanitäter, der sie damals aus dem Auto und aus den Armen der toten Mutter geholt hatte. Bis heute verfolgen ihn die Bilder von damals, jedesmal, wenn er an der Tankstelle vorbeifährt, kehren die Bilder von damals zurück. Jetzt hat er die beiden Schwestern zum ersten Mal wiedergesehen. Sie trafen sich an der Stelle, wo die Eltern und der Onkel ihr Leben lassen mussten. Der Sanitäter erzählte, wie es damals war, als er zum Auto der Familie kam. Dann umarmten sie sich.

Ein Ausschnitt aus der Reportage des Senders Channel 2

Vor zwei Monaten wurde bei einem ähnlichen Anschlag das Ehepaar Henkin, Eltern von drei Kindern, vor deren Augen im Auto erschossen. Auch diese Kinder müssen nun ohne ihre Eltern aufwachsen. 14 Jahre später und nichts hat sich verändert.

Gestern, am Shabbat, kam es in der Stadt Raanana zu einer Messerattacke. Ein 20 jähriger Araber hat in einem ruhigen Wohnviertel drei Menschen mit dem Messer angegriffen. Danach versuchte er noch, durch ein Fenster in eine Wohnung einzudringen, in das Zimmer eines Mädchens. Zum Glück ist ihm dies nicht gelungen und er wurde wenig später vor dem Fenster gefasst und festgenommen. Ein absoluter Alptraum für die Bewohner.

Meine Frau sagt mir immer, ich solle am Abend die Tür zum Garten verschliessen, der Sicherheit wegen. Ich habe das bis jetzt nicht so ernst genommen, ich fühlte mich sicher, zuhause in meinen eigenen vier Wänden.Aber nachdem es auch bei uns in Modiin vor einigen Tagen zu einem Vorfall kam, als ein arabischer Bauarbeiter seinen jüdischen Bauleiter mit einem schweren Gegenstand niederschlug und ihn schwer verletzte (Bericht) ist mir klar geworden, dass es wirklich überall passieren kann. Und das ist der grosse Unterschied zur Zeit der zweiten Intifada, als fast jeden Tag irgendwo im Land ein Bus oder Restaurant in die Luft flog und Dutzende Menschen in den Tod riss. Damals sind wir halt zuhause geblieben, denn dort war man sicher. Die Terroranschläge wurden von Terror – Organisationen durchgeführt. Aber diesmal ist es anders, es sind Einzelpersonen, die sich plötzlich dazu entschliessen, einen Israeli niederzustechen. Es sind individuelle Entscheidungen , arabische Bürger des Landes ziehen plötzlich das Messer aus ihrer Tasche und stechen auf ihre Mitbürger ein. In unserem Haus werden die Treppen einmal in der Woche von einem Araber saubergemacht. Morgens, zu einer Zeit , wo die meisten Bewohner nicht zuhause sind. Woher kann ich wissen , dass dieser bis heute nette Araber nicht eines Tages durchdreht und statt einen Besen ein Messer in der Hand hält ? Das Vertrauen ist hinüber. Aber wenn wir Israelis nun lieber keine Araber einstellen wollen, wird Israel im Ausland als Apartheid Staat beschimpft. Die Situation, in der wir uns hier in Israel befinden ist nicht einfach, aber trotz allem leben wir unseren Alltag weiter.

Aber die Tür zum Garten werde ich heute verschliessen.

Shalom aus Jerusalem !

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Kategorien:Der Blog

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3 replies

  1. Ich danke für diesen Bericht auf deutsch . Der Sanitäter , der die beiden Mädchen nach 14 Jahren wieder getroffen hat , ist mein allerliebster Schwiegersohn !!!
    Jetzt können auch nicht Iwrith – Sprecher darüber lesen.

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  2. Cela devrais etre traduit dans toutes les langues afin que les europeens sachent ce qui les attends.

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