Unser wahres Problem

Der Streit um die Justizreform in den vergangenen Wochen hat uns unser wahres Problem gezeigt. Noch immer gibt es die Kluft zwischen Ashkenazim und Sfaradim. Werden wir wieder zusammenfinden?

Guten Morgen liebe Leser!

Irgendwie scheint der Winter keine Lust zu haben, sich zu verabschieden. Als ich heute früh die Tür zu unserem Garten öffnete, kam mir eine kühle Brise entgegen. Ich beschwere mich nicht, denn es war eine sehr angenehme und erfrischende Brise, die mich dazu bewegte, mich für das Schreiben dieses Artikels in den Garten zu setzen.

Mein Blick vom Garten aus, Bild: Dov Eilon

Es ist sehr angenehm hier draußen, ich hoffe nur, dass ich während des Schreibens trocken bleibe, denn die Wolken sind schon etwas dunkelgrau. Eigentlich hatten uns die Meteorologen für die ersten Tage dieser Woche etwas Regen versprochen, doch daraus wurde bis jetzt nichts. Auch in meiner Wetter-App auf dem Handy sind die Regentropfen verschwunden.

Sommerliche Aussichten für die kommenden zwei Wochen

So wie es aussieht, scheinen wir eine recht warme Pessachwoche zu bekommen. Nur am Wochenende wird es in der Nacht noch einmal ziemlich kalt.

Ist es nicht schön, endlich wieder Zeit zu haben, um über das Wetter zu sprechen? Das sage ich allerdings mit einem vorsichtigen Optimismus, denn ich bin mir nicht sicher, dass wir den Streit um die Justizreform und die Proteste gegen die Regierung hinter uns haben.

Nach der Erklärung Netanjahus, eine Pause einzulegen, um Zeit für Gespräche mit der Opposition zu haben, ist es in der Tat ruhiger im Land geworden. Aber die Organisatoren der Proteste haben betont, mit den Demonstrationen fortzufahren, bis die Justizreform vom Tisch sei, mit einer vorläufigen Pause in der Gesetzgebung würde man sich nicht zufriedengeben. Einige gingen sogar noch weiter und erklärten, der Kampf würde so lange weitergehen, bis Netanjahu und seine Regierung gestürzt seien.

Als ich gestern am Haus unseres Justizministers Yariv Levin vorbeifuhr (ich fahre dort jedes Mal vorbei, wenn ich aus dem Haus gehe), sah ich dort tatschlich eine kleine Gruppe fahnenschwingender Demonstranten. Ich schaute einem von ihnen in die Augen und machte eine Handbewegung des Unverständnisses. Ich wollte wissen, warum sie immer noch in unserer Straße seien. Der Blick, den ich zurückbekam, machte mir klar, dass die Demonstranten auch weiterhin vorhaben, unsere schöne und eigentlich ruhige Straße zu besuchen.

Aber auch die andere Seite, die Befürworter der Justizreform, scheinen jetzt aufgewacht zu sein. Seit der großen Demonstration der Rechten vorgestern in Jerusalem, bei der sich etwas 100.000 Menschen in der Nähe des Obersten Gerichts versammelt hatten, scheinen die Befürworter der Justizreform und die Unterstützer der gewählten Regierung die Spielregeln verstanden zu haben.

Demonstration der Befürworter der Justizreform rufen: “Das Volk verlangt eine Reform der Justiz!”

Ich meine damit nicht die Gruppen der Extremisten, die nur kamen, um Randale zu machen, besonders die gruppe der Organisation “Familia”, die sich als Fans des Fußballklubs “Beitar Jerusalem” bezeichnen und dem Verein seit Jahren das Leben schwer macht, nein, von menschen, die die Gewalt als ein legitimes Mittel für das Erreichen ihrer Ziele betrachten, distanziere ich mich. Es ist schade, dass eine kleine Gruppe von Randalieren das Ansehen der sogenannten Rechten schädigt. Immer wenn man die “Rechten” erwähnt, denken viele sofort an Gewalt.

Morgen ist wieder Donnerstag, ein Tag, der von den Gegnern der Justizreform immer als ein besonderer Tag des Protests erklärt wurde. Jetzt haben die Befürworter der Reform eine Demonstration in Tel Aviv angemeldet, bei der ein Gang bis zur Kaplan-Straße geplant ist, das ist der Ort, wo sich immer bis zu 200.000 Demonstranten gegen die Regierung versammelt hatten. Es gibt sogar Gerüchte, wonach die rechten Demonstranten planen, auf die Ayalon-Schnellstreaße zu gehen, um sie zu blockieren, so wie es immer die Gegner der Regierung getan hatten, zum Teil sogar unter der Führung der Polizei.

Ein unglaubliches Bild: Ami Eshed, Chef der Polizei in Tel Aviv, führt die Demonstranten auf der Ayalon-Straße an.

Was wir leider während dieser Wochen der Proteste gelernt haben, dass es eine riesige Kluft in unserem Volk gibt, die sich so schnell wo nicht schließen wird. Es ist der bekannte Kampf zwischen den Ashkenazim und den Sefaradim, den europäischen Juden und den Juden aus den orientalischen Ländern. Die Wähler der Likud-Partei werden von den Linken als dumm bezeichnet, es wird abfällig auf sie hinuntergeschaut. Von dieser Kluft zwischen den Ashkenazim und den Sfaradim hatte ich schon früher geschrieben.

Eine lange Zeit dachte ich, dass wir dieses Problem hinter uns hätten. Die Eltern meiner Frau stammen aus Syrien und Ägypten, meine Eltern kommen aus Norwegen und Deutschland. Für unsere Kinder gibt es also keine eindeutige Zuweisung mehr. Sie sind weder Sfaradim, noch Ashkenazim, sie sind beides. Dabei missachte ich jetzt die Tatsache, dass sie nach dem jüdischen Gesetz als Ashkenazim gelten, da es in diesem Fall nach dem Vater geht, obwohl das Judentum eines Kindes von der Mutter abhängt, interessant, oder?

Der Streit um die Justizreform hat diese Kluft zwischen Ashkenazim und Sfaradim wieder weit aufgerissen. Manchmal denke ich mir, dass wir wohl erst wieder einen Angriff mit Raketen auf unser Land brauchen, eine nationale Krise, um wieder zueinanderzufinden. Die Feinde Israels sind jetzt sicher sehr zufrieden mit dem, was bei uns passiert und warten nur auf eine passende Gelegenheit, um uns anzugreifen.

Wir müssen ganz schnell zur Besinnung kommen, damit es nicht dazu kommt. WIr dürfen uns nicht darüber streiten, ob man den Dienst in der Armee aus politischen Gründen verweigern kann. Wenn wir das zulassen, ist es vorbei mit der “Armee des Volkes”, wie wir unsere Armee nennen. Ich hoffe sehr, dass es schnell wieder ruhig werden wird, wir müssen zusammenhalten. Heute in einer Woche werden wir am Abend das Pessachfest beginnen. Dann werden wir uns an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnern, den Weg in die Freiheit unseres Volkes, vielleicht wird das helfen, uns zusammenzubringen.

Ich wünsche Euch einen angenehmen Mittwoch. Schön, dass Ihr hier seid. Shalom aus Israel!

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