Vorbei mit der Ruhe

Was ich immer an unserem Stadtteil und besonders an unserer Straße schätze, war die Ruhe. Doch mit der Ruhe könnte es jetzt vorbei sein, nachdem unser Nachbar zum neuen Justizminister Israels ernannt wurde.

Guten Morgen liebe Leser!

Ich begrüße Euch zu einer neuen Woche. Nachdem es gestern früh noch einmal wie aus Eimern gegossen hatte, scheint heute früh wieder die Sonne. Allerdings ist es mit 11 Grad für uns doch recht kühl. Ja, für uns Israelis sind diese Temperaturen ein Zeichen des Winters.

Kein Wunder, dass in den Bekleidungsgeschäften der „Winter Sale“ schon längst begonnen hat und viele Sachen mit Ermäßigungen von bis zu 70 Prozent verkauft werden. Und das ist dann genau die richtige Zeit für mich, ein paar neue Sachen zu kaufen. Normalerweise bin ich nicht so gerne in Kleidungsgeschäften. Aber manchmal braucht man eben etwas Neues und da ist die Zeit der „Sales“ genau der richtige Moment.

So waren wir am Freitag in einem Einkaufszentrum nicht weit von Modiin entfernt, wo die ganzen grossen Ladenketten ihre Outlet – Filialen haben. Dem Regen habe ich es zu verdanken, dass ich dort sofort einen Parkplatz gefunden hatte, normalerweise eine fast unmögliche Mission.

Das Bilu Einkaufszentrum

Jetzt haben wir ein paar neue Klamotten, meine Tochter ein neues Laptop für das Studium und ich einen neuen Fernsehsessel und auch etwas weniger Geld auf dem Konto.

Wie ich Euch schon erzählt hatte, haben wir in unserer Straße einen recht berühmten Nachbarn, Yariv Levin. Er wohnt ein paar Häuser von uns entfernt und war vor der Bennett-Lapid-Regierung Vorsitzender der Knesset. Zu der Zeit war unsere Straße immer besonders gut bewacht. Vor dem Eingang zu seinem Wohnhaus stand immer ein Wachmann und um das Haus herum waren Sicherheitskameras verteilt.

Damit war unsere Straße eine der sichersten Straßen unserer Stadt. Doch nach den 4. Wahlen in der letzten Zeit wurde Bennett Ministerpräsident, nachdem er zusammen mit Yair Lapid und einer hauchdünnen Mehrheit eine sehr zerbrechliche Regierungskoalition zusammengeflickt hatte. Damit war auch Schuss mit der Bewachung in unserer Straße, denn Yariv Levin war jetzt nur noch ein ganz einfacher Abgeordneter der Knesset.

In unserer Straße wurden die Sicherheitskameras wieder abgebaut und die Wachmänner gingen nach Hause. Wir waren wieder auf uns selbst angewiesen. Das schienen wohl auch ein paar Autodiebe bemerkt haben, denn binnen kurzer Zeit wurden von dem Parkplatz unseres Wohnhauses zwei Autos geklaut.

Als wir nun am Freitagmorgen von zu Hause in Richtung Einkaufszentrum losfuhren, sahen wir vor dem Haus unseres Nachbarn, Yariv Levin, der jetzt Justizminister ist, eine Gruppe von Demonstranten, zwei Polizeiwagen und mehrere Sicherheitsbeamte. Oh, oh, dachte ich mir, jetzt ist es wohl vorbei mit der Ruhe in unserer Straße.

Demonstranten vor dem Haus des Justizministers. Wird unsere Straße jetzt zum Brennpunkt der aktuellen Ereignisse?

Was wir früher nur im Fernsehen gesehen haben, sehe ich jetzt auch direkt in unserer Straße. Ich hoffe nur, dass mir der Zeit nicht noch mehr Menschen kommen werden, um gegen die Pläne unseres Nachbarn zu Reformen in der Justiz zu demonstrieren. Die Opposition und der Block von „Nur-Nicht-Bibi“ sind der Ansicht, dass die Reform sich gegen die Demokratie in Israel richtet. Sogar der ehemalige Präsident des Obersten Gerichtshofs meinte gestern, Israel würde bald wie die Türkei aussehen, die Demokratie würde mit Füssen getreten werden.

Ich werde mich nicht dazu äußern, sondern einfach abwarten und sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Ich hoffe aber, dass es bei uns ruhig bleiben wird. Doch zu optimistisch bin ich nicht. Schon vorgestern las ich auf Twitter, dass jemand zu einer Radtour zum Haus des Justizministers aufgerufen hatte. Zum Glück hatte der Regen diesem Plan einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Und jetzt muss ich gleich aus meinem Zug steigen. Die Fahrt geht immer viel zu schnell, im Gegensatz zu der Fahrt im Auto. Ich wünsche Euch einen angenehmen Sonntag und eine gute neue Woche. Shalom aus Israel!



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