Ein anderes Israel?

Guten Morgen liebe Leser!

Ich sitze wieder im Zug auf dem Weg zur Arbeit in Richtung Tel Aviv. Es ist schon irgendwie lustig, wie einem das Schicksal so spielt. Da hatten wir endlich die Zugverbindung zwischen Modiin und Jerusalem bekommen, auf die ich solange gewartet hatte, und dann muss ich jeden Tag in die andere Richtung fahren, nach Tel Aviv, oder vielleicht sollte ich sagen ins „Land Tel Aviv“, wie die Stadt oft genannt wird.

Ja, es ist richtig, in Tel Aviv ist alles anders, das spürt man schon, wenn man in der Stadt angekommen ist. Obwohl Tel Aviv ja eigentlich, was die Zahl der Bevölkerung betrifft, viel kleiner als Jerusalem ist, hat man in Tel Aviv das Gefühl, in einer großen Stadt zu sein. Sofort ist man in einem Verkehrschaos, die E-Scooter und Motorroller kommen aus allen Richtungen, der Unterschied zu Jerusalem ist schwer zu beschreiben, man muss einfach hier sein, um das zu fühlen.

Alltag in Tel Aviv, Bild: Pixabay

Warum „Land Tel Aviv“? Weil viele denken, Tel Aviv sein von dem übrigen Geschehen in Israel isoliert. Es konnten Raketen auf Sderot im Süden oder Kiriat Shmona im Norden fallen, in Tel Aviv wurde der normale Alltag weitergelebt. Man machte sich nicht zu viele Sorgen, solange das normale Leben im Land Tel Aviv nicht gestört wurde. Dabei kannte Tel Aviv sehr wohl, wie es ist, mit Raketen beschossen zu werden. Aber das ist wohl schon zu lange her.

Anfang der neunziger Jahre, als Saddam Hussein seine Raketen auf Tel Aviv schoss, da war es dann vorbei mit der Ruhe. Die Tel Aviver begannen, die Stadt zu verlassen , viele von ihnen flohen bis nach Eilat, um den Raketen von Saddam zu entkommen. Der damalige Bürgermeister von Tel Aviv, Shlomo Lahat, nach dem die schöne Strandpromenade in Tel Aviv benannt ist, war entrüstet über das fehlende Rückgrat seiner Bürger und nannte sie Deserteure.

Im Jahr 2006 geschah es noch einmal, das war zur Zeit des zweiten Libanon Krieges, als Hisbollah-Chef Nasrallah mit Raketen auf Tel Aviv drohte. So etwas mögen die Tel Aviver nicht. Es gab erneut eine Ausreise aus dem Land Tel Aviv. Trotz dem Ernst der Lage, gab es in den Medien einige zynische Bemerkungen, wie zum Beispiel: wenn die Tel Aviver ihren Espresso nicht in Ruhe genießen können, dann ist es mit der Ruhe vorbei. Man darf die Bürger des Landes Tel Aviv eben nicht aus ihrer Tagesroutine bringen.

Tel Aviv, Bild: Pixabay

Wie kam ich eigentlich dazu, darüber jetzt zu schreiben? Ah, ich erinnere mich, es ist wegen der Ergebnisse der Wahlen. Es ist klar, dass die meisten Bürger im Land Tel Aviv mehr auf der linken Seite der politischen Landschaft stehen, Jesh Atid von Yair Lapid hat dort auch diesmal die meisten Stimmen bekommen. Und was nun? Nun ist für viele Tel Aviver die Welt zusammengebrochen. Das bemerkte ich auch bei einigen Arbeitskollegen von mir, die im Land Tel Aviv wohnen. „Es ist vorbei mit dem Land“, „ein schwarzer Tag“, „nun ist es vorbei mit der Demokratie“, um nur einige der Sätze zu nennen, die ich gehört habe.

Auch in den sozialen Netzwerken habe ich ähnliche Bemerkungen lesen können, auch von einigen Juden, die im Ausland leben. Israel sei kein Land mehr, in das man fliegen könne, oder „kein guter Tag für Israel“.

Auch werde jetzt wieder die Wähler, die den Block von Netanjahu gewählt haben, von der anderen Seite kritisiert, sie würden nur mit der Herde rennen, ohne zu denken. Woe war das jetzt mit der Demokratie und dem Anerkennen der Wahlergebnisse? Vor den Whalen wurde von der Anti-Bibi-Seite immer wieder die Befürchtung erwähnt, Netanjahu würde im Fall einer Niederlahe die Wahlergebnisse nicht anerkennen. Und wie sieht es jetzt aus?

Ich denke, wir sollten der neuen Regierung, die wir wohl bald bekommen werden, eine Chance geben und nicht gleich so schwarz sehen.

Ich nähere mich jetzt der Grenze zum Land Tel Aviv, und wisst ihr was? Der Himmel ist noch nicht auf uns gefallen, die Sonne scheint, und auch der Stau am Eingang der Stadt ist noch immer da.

So, liebe Leser, gerne würde ich Eure Meinungen zu den Wahlergebnisse hören, unter dem Artikel gibt es die Möglichkeit, zu kommentieren.

Und jetzt muss ich schon gleich wieder aussteigen. Ich glaube nicht, dass wir bald ein anderes Israel haben werden Es gibt nur ein Israel. Ich wünsche Euch einen wunderschönen Tag. Shalom aus Israel!



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